Es war der Spätsommer 2017. Ich hatte gerade eine mäßige Saison als Fotograf erlebt und war mitten in einer Krise der Neuausrichtung und sinnierte über die Zukunft, Erfolg und Glück. Ich komme aus einer Familie mit bescheidenen Mitteln. Mein Vater war Arbeiter, sein Vater vor ihm Musiker und mein Großvater 8ter Generation ein bekannter Freiherr. Meine Mutter arbeitete in einem Briefmarkenladen. Ab und zu investierte sie einen kleinen Teil ihres schmalen Einkommens, in skurril gestanzten Papiermotive mit Zacken dran, in der Hoffnung, einer Wertsteigerung dieser. Trotz unserer einfachen Umstände waren meine Eltern zufrieden und haben die Welt nicht für ihr Schicksal verantwortlich gemacht. Im Gegenteil, sie waren angepasste Individualisten und glaubten fest daran, dass das Schicksal eines Menschen seine und nur seine Entscheidung ist. Meine Eltern aus der Arbeiterklasse hatten mir immer gesagt, dass die Welt nach einem einfachen Kausalprinzip funktioniert:
„Je härter man arbeitet, desto mehr Erfolg genießt man.“
Ich glaubte ihnen, obwohl sie selbst eine Ausnahme ihrer eigenen Regel zu sein schienen. Ein solches Evangelium in meinen jüngeren und heranwachsenden Jahren, hat mir ein Gefühl der Ehrfurcht vor Reichtum vermittelt. Ich entwickelte ein Verständnis dafür, dass Menschsein mit Reichtum irgendwie lebenswerter ist. Vermögen zu haben bedeutete, härter gearbeitet zu haben als andere, trotz Widrigkeiten durchgehalten zu haben und unerbittlich gewesen zu sein. In diesem Zustand habe ich die Welt gesehen und das intensive Verlangen, mir selbst zu beweisen, dass auch ich würdig bin, Reichtum zu erfahren. Tatsächlich schaffte ich es mit eigenen Projekten und als Vorstand meiner Firma zur ersten Million.
Diner im Grandhotel Schloss Bensberg
Doch Reichtum kommt auf vielen Wegen und geht auf vielen Wegen. Während einer Begegnung erzählte mir ein Bekannter, dass er seine Ersparnisse in den letzten Monaten vervierfacht habe. Es war keine magische Einsicht nötig, es mussten keine Schwierigkeiten ertragen werden, man musste nicht einmal ins Schwitzen kommen. Aus einer Laune heraus hatte er einfach sein Geld in Bitcoin gesteckt, und das offensichtliche Glück erledigte den Rest der Arbeit. Das Ausmaß des Einflusses, den seine Geschichte auf mich hatte, ist schwer zu unterschätzen. Hier war ich, der Tag und Nacht in einer dunklen Ecke des Raumes schleifte, um meine Spuren zu hinterlassen. Da war er, der kaum zur Arbeit erschien und Tausende von Dollar pro Tag verdiente und so gut wie nichts tat. Da ging sie hin meine romantische Vorstellung von den Reichen.
„Ich wurde von meinen Eltern belogen, Geld wächst doch auf Bäumen. Du musst nur mutig genug sein, um die wackelige Leiter hinaufzusteigen, um es zu erreichen.“
Also begann ich meinen Aufstieg. Noch am selben Abend laß ich Satoshi Nakamoto´s Original-Whitepaper über Bitcoin. Ich erfuhr von Teams ohne ein Produkt, die mit Initial Coin Offering Millionen von Dollar von der Öffentlichkeit einsammelten. Ich sah, dass sich der Preis für ein Bitcoin im letzten halben Jahr mehr als vervierfacht hat, von etwa 1.000 Dollar auf mehr als 4.500 Dollar. Im gleichen Zeitraum stieg der gesamte Kryptowährungsmarkt von 27 auf 166 Milliarden Dollar, was ungefähr einer Vervierfachung entsprach.
Am Ende des Tages hatte ich bereits zwei Konten eingerichtet. Erstens ein brandneues Twitter-Konto, um ausschließlich Krypto-Nachrichten und Influencer zu verfolgen. Zweitens, was noch wichtiger war, ein Konto an einem dezentralen Kryptobörse irgendwo in Singapur.
„Ich musste mich bewegen und ich musste mich schnell bewegen. Neue Millionäre wurden direkt vor meinen Augen erschaffen und ich wollte unbedingt dabei sein.“
Es gab jedoch nur ein kleines Problem. Nach meiner mäßigen Saison als Star-Fotograf hatte ich nur bescheidene freiverfügbare Mittel zur Verfügung. Also sammelte ich alles schnell verfügbare Geld zusammen, um am 1. September 2017 ca. 15.000 Dollar als erstes Investment in das Kryptouniversum zu transferieren. Ich vergesse alle Worte der Weisheit, die ich über Risikomanagement und die Notwendigkeit der Diversifizierung gehört habe und lege alle meine Karten auf eine einzige Altmünze namens Ripple. Die Entscheidung, in diese bestimmte Währung zu investieren, beruhte nicht auf fundierter Logik und gründlicher Forschung oder Kenntnisse über die zugrunde liegende Technologie, noch hatte ich ein vages Verständnis für das Problem, welches das Protokoll angeblich löste. Es war nichts anderes als der Reiz, Tausende von Münzen zu besitzen, als einige wenige, der sich als entscheidender Faktor erwies. Ein einziger Coin von Ripple kostete zu diesem Zeitpunkt 25 Cent und dies bedeutete, dass meine anfängliche Investition mir ca. 60.000 Ripple Coins einbrachte. Klingt ja irgendwie auch viel mehr, als zum damaligen Kurs, 3 Bitcoin zu besitzen.
Das Problem beim Glücksspiel ist, dass es genau das ist, nämlich Glücksspiel. In weniger als zwei Wochen nach meinem Kauf, hatte mein Investment in Ripple mehr als ein Drittel seines Wertes verloren. Da mein gesamtes Vermögen an diesen einen Coin gebunden war, ich somit auch. Zu sagen, dass ich in Panik geriet, würde es milde ausdrücken. Nachdem ich viel mehr verloren hatte, als ich mir leisten konnte, war ich wie versteinert. Selbst ohne die Verluste war es schwer über die Runden zu kommen und jetzt, da fast ein Drittel des Portfolios dahingeschmolzen war, mehr als notwendig, durch fleissige Arbeit Geld zu verdienen.
Zu diesem Zeitpunkt hätte jede vernünftige Person seine Verluste reduziert und das Geld aus diesem brutalen Markt abgezogen. Aber ich bin kein Mensch der Vernunft. Stattdessen habe ich getan, wozu jedes Buch über Investitionen, welches jemals geschrieben wurde, ermutigt. Ich begann aktiv mit dem Ziel, an der Gewinnschwelle zu handeln.
Buy the Dip and Sell the High
Tagsüber verschlang ich Bücher über technische Analyse und Marktpsychologie. Auch Twitter und YouTube erwies sich mit seinem endlosen Angebot an Tipps und Tricks der selbsternannten Experten und Analysten von unschätzbarem Wert. Die eigentlichen Trades, hatte ich für die Nachtstunden reserviert, um das Zeitfenster zu erfassen, in dem mein Gehirn am besten funktioniert.
Einige Wochen später hatte ich das Gefühl, erhebliche Fortschritte bei der Rückeroberung meiner ursprünglichen Investition zu machen, zumindest auf dem Papier. In Wirklichkeit haben die schrecklichen Umtauschgebühren, die bei jeder Transaktion einen erheblichen Prozentsatz ausmachten, meine Einnahmen gekürzt und den gesamten Vorgang vergeblich gemacht. Ich brauchte einfach mehr Kapital, um meine kurzfristigen Anlagestrategien umzusetzen und ich wäre wieder im Geschäft. Irgendwo hatte ich noch eine angestaubte Kapital-Lebensversicherung herumliegen, deren Rendite immer weiter in den Keller sank. Nach wenigen Onlinesuchen forderte mich die Maske auf: „Geben Sie die Beleihungssumme ein.“ Ich dachte mir, dass der maximale Kreditbetrag von 10.000 Dollar ausreichen würde, um meine Handelssysteme wieder rentabel zu machen. Alles in allem hatte ich jetzt mit der zusätzlichen Kapitalzuführung und meiner Anfangsinvestition, mehrere 10.000 Dollar in meinem Portfolio welche ungefähr 130.000 Ripple Coins entsprach. Eine anständige Summe an Coins dachte ich und etwas, mit dem ich endlich wieder reich werden kann.
Und ich wurde es.
In ein wenigen Monaten war mein Portfolio bereits um 25% gestiegen. Ich nehme an, eine solche Zahl würde beim traditionellen Aktien-Tageshandelsgeschäft als ziemlich respektabel angesehen und ein Grund für Anerkennung. Der Markt für Kryptowährungen war jedoch im gleichen Zeitraum doppelt so stark gewachsen, was mich als Underperformer etablierte. Ich ließ mich davon jedoch nicht beunruhigen und dachte demütig: „Ich bin das Problem“ immerhin war der Kryptomarkt voll von Menschen mit einem überdurchschnittlichen Intellekt. Die Crème de la Crème sozusagen. Es musste so sein, wie sonst könnte man den Reichtum erklären, den diese Nerds so gut wie aus dem nichts anhäuften, während der Rest der Gesellschaft harte Arbeit leistete, um irgendwie über die Runden zu kommen. Es war keine Schande, von solchen Gedanken-Titanen überlistet zu werden. Doch das Leben eines 24/7 Kryptohändlers forderte bald seinen Tribut von mir. Am Ende des zweiten Monats konnte ich nicht mehr als dieselbe Person erkannt werden.
„Der Markt war zu verlockend, um auch tagsüber unbeaufsichtigt zu bleiben.“
Ähnlich wie beim Countdown eines fehlgeschlagenen Raketenstarts wurden die Stunden, die ich für den Schlaf aufgewendet habe, stetig von acht auf sieben, von sechs auf fünf reduziert. Meistens habe ich, genau wie bei einem vorzeitig geplanten Start, auch den Start nicht bestanden. An den Tagen, an denen ich es geschafft habe, vom Boden abzuheben, stürzte ich normalerweise mitten im Flug ab. Meine Fähigkeit, mich zu konzentrieren, ließ nach, meine deduktiven Fähigkeiten sanken auf das Niveau eines Primaten und mein Gehirn weigerte sich, neue Informationen zu behalten. Als ob das nicht genug wäre, verschwanden gespeicherte Nervenzellen für soziale Kontakte, Körperpflege und Hungergefühl scheinbar vollständig von meiner Festplatte.
Emotional wurde ich instabil und leicht aufgeregt. Sogar Wahnvorstellungen schlichen sich schließlich ein. Eines frühen Morgens fielen meine traurigen Picks innerhalb von Minuten um einige Prozentpunkte. Dies an sich wäre kein Grund zur Beunruhigung gewesen, da Schwankungen dieses Kalibers ein tägliches Phänomen waren. Bei näherer Betrachtung der technischen Indikatoren stellte ich jedoch fest, dass ein ernsthafter Ausverkauf unmittelbar bevorstehen würde. Ich musste meine Positionen verlassen, bevor es zu spät war. Aber das war es schon.
Anscheinend waren andere Händler vor mir zu der gleichen Erkenntnis gekommen und hatten entsprechend gehandelt. Das Ergebnis: Die Börse, mit dem ich verbunden war, stürzte aufgrund der ungewöhnlich hohen Belastung ab, sodass es unmöglich war, Order aufzugeben oder Positionen zu schließen. Was folgte, war ein eintägiger Tanz zwischen mir und der Börse. Der Tanz hatte eine recht einfache Choreografie, die aus vier Schritten bestand. Im Idealfall hätte ich die folgenden Manöver schnell hintereinander ausgeführt: Anmelden, zur Börse wechseln, einen Trade eingeben und den Handel mit der Bestätigungsaufforderung genehmigen. Ich habe mehr als 5 Minuten gebraucht, um nur einen einzigen Schritt auszuführen. Als die Tortur endlich zu Ende ging, war der Wert meines Portfolios bereits um mehr als 10% gesunken. Ungefähr zwanzig Minuten später beschloss ich, meine Karriere als Händler zu beenden, jedoch nicht als Investor. Also löste ich alle meine offenen Positionen auf die kurzfristig gehalten werden sollten, und kehrte zurück zu meinen Wurzeln.
Ich war wieder ganz in Ripple investiert.
Was folgte, war eine Zeit relativer Ruhe, in welcher der Ripple-Preis stabil um die bekannte 25 Cent Marke schwebte. Die geringe Volatilität des Marktes ermöglichte es mir, mich wieder zu beruhigen und meine zerbrochenen Beziehungen zu pflegen. Ich konnte sogar wieder die Wohnung verlassen ohne mir übermäßige Sorgen zu machen. Ich war wieder zufrieden, zumindest für kurze Zeit. Ich wusste nicht, dass ich unwissentlich auf einen Vulkan geklettert war, der bald explodieren würde. Am 12. Dezember verzeichnete Ripple einen Anstieg um 40%. Der Markt bewertete Ripple zum Tagesschluss plötzlich mit 35 Cent pro Coin. Am 13. Dezember trieb der scheinbar irrationale Anstieg der Nachfrage den Preis noch weiter von einem Drittel Dollar auf etwa die Hälfte. So hatte sich mein Nettovermögen in weniger als 48 Stunden einfach verdoppelt. Am nächsten Tag bei 72 Cent bereits verdreifacht. Schließlich stabilisierte sich der Preis am vierten Tag und schwebte für die gesamte nächste Woche um die neue Basislinie von 80 Cent.
Diese vergleichsweise ereignislose Zeit bot mir Gelegenheit zum Nachdenken, eine Gelegenheit, meine Nerven zu beruhigen und mich in der Realität zu verankern. Interessanterweise schien ich jedoch keine Beruhigung zu brauchen. Nur im Nachhinein finde ich es überraschend. Beim Day-Trading war ich völlig überwältigt von dem unaufhörlichen Pulsschlag des Marktes, meine Stimmung in perfekter Korrelation damit. Als der Markt stieg, war ich begeistert, manchmal sogar wahnsinnig, als er fiel zu Tode betrübt. Hätte ich einen Psychiater gesehen, hätte der mich sicherlich als Neurotiker bezeichnet.
To the Moon
Während des letzten Bullenlaufs zeigte ich dagegen keines dieser Symptome. Mein damaliger Geisteszustand lässt sich vielleicht am besten als gleichgültig beschreiben, emotional unberührt von den jüngsten turbulenten Entwicklungen. Wie kann man diese offensichtliche Zweiteilung erklären? Ich glaube, die Erklärung liegt in der Tatsache, dass ich dieses Mal kein aktiver Marktteilnehmer war, sondern ein passiver Zuschauer. Ich war nicht länger der Kapitän meines Schiffes, ich versuchte nicht länger, den mysteriösen Walen zu folgen, die mich zu den Wellen des Erfolgs führen würden. Tatsächlich war ich von dem gescheiterten Unterfangen so erschöpft, dass ich mich der Gnade des weiten Krypto-Ozeans auslieferte. Als das Schiff versehentlich gegen die Schatztruhe stieß, hielt ich es für ein Trugbild, viel zu mühelos und viel zu plötzlich. Ich war misstrauisch, mein Verstand war nicht in der Lage, den Inhalt der Schatzkiste als real zu erkennen, als etwas, das in der realen Welt materialisiert werden konnte.
Ein weiterer Ausbruch folgte schnell, aber leidenschaftlich. Am 21. Dezember 2017, nach einer Woche der Stille, stieg der Preis auf 1,17 Dollar. Nachdem sich mein Vermögen verfünffacht hatte, erlebte ich eine Woche der Inaktivität. Über die Feiertage fuhr ich wie jedes Jahr zu meinen Eltern um Zeit mit der Familie zu verbringen. Meine Eltern redeten aufgeregt über Kryptowährungen, dies war so untypisch, da beide sich wenig mit Technologie beschäftigten, wahrscheinlich nahmen sie sogar an, dass Bill Gates das Internet erfunden hatte. Offensichtlich war die Bitcoin Botschaft auch am Rande von Deutschland angekommen. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich sofort entscheiden sollen, dass es höchste Zeit ist, meinen Reichtum vom Markt zu nehmen und in die andere Richtung zu sprinten. Stattdessen sah ich es als absolut positiv an, dass sich Satoshi Nakamoto´s Kryptorevolution in allen Teilen der Welt verbreitet und die breite Akzeptanz der Blockchaintechnologie unmittelbar allen bevor steht.
Einige Tage später, am 27. Dezember 2017, nahm der Markt wieder Fahrt auf, und der Preis des Giftes meiner Wahl durchbrach zum Ende des 29. Dezember zum ersten Mal die Zwei-Dollar-Marke. Am nächsten Tag erreichte es für einen kurzen Moment bis zu 2,85 US-Dollar, stieß jedoch auf Widerstand von oben und fiel schnell auf knapp unter zwei Dollar zurück. Das Jahr endete jedoch auf einem hohen Niveau und endete mit 2,30 US-Dollar pro Ripple Coin.
„Damit hatte sich mein Vermögen innerhalb von 3 Monaten nicht vervielfacht, sondern verzehnfacht.“
Um es noch besser zu verdeutlichen, konnte ich mir bisher kaum einen Ford Focus leisten, könnte ich jetzt einen Lamborghini mit allen Extras kaufen. Der Aufwärtstrend von Ripple setzte sich auch im neuen Jahr 2018 fort. Der Preis von Ripple stieg am 3. Januar deutlich über die Drei-Dollar-Marke und schloss dann bei 3,50 Dollar.Am nächsten Tag erreichte der Wert der Münze fast 4 Dollar. Mit dem Preis, der jetzt seinen absoluten Höhepunkt erreichte, hatte ich ein Vermögen von etwas mehr als einer halben Million Dollar in meinem Portfolio liegen.
Um das ins rechte Licht zu rücken: Wenn man bedenkt, dass der Durchschnittslohn im Jahr bei ungefähr 50.000 Dollar vor Steuern beträgt, hätte ich die nächsten 10 Jahre bequem von meinem neu gewonnenen Vermögen leben können. Ein ganzes Jahrzehnt. Leider habe ich die kommenden zufälligen Ereignisse nicht in einem größeren Zusammenhang gesehen. Ich konnte es nicht, da meine Fähigkeit mich zu konzentrieren, durch das unaufhörliche Rauschen der Medien zu stark beeinträchtigt wurde. Auf Twitter extrapolierten selbsternannte Experten die Trendmonate in die Zukunft und zeichneten Kurven, die sich buchstäblich aus den Charts wagten. Im Fernsehen hielten die Experten 2019 für das „Jahr der Kryptos“. Sogar Jim Cramer, ein ehemaliger Börsenmakler von Goldman & Sachs widerrief nach Jahren der Denunziation von Bitcoin und wurde bullisch. Auf Reddit posteten Kryptobesessene Fotos ihrer Lieblingscoins, die sie sich dauerhaft in ihre Haut tätowierten. Es war eine kulturelle Zombie-Apokalypse, und ich war gebissen und infiziert.
Da der größte Teil meines Gehirns von dem heimtückischen Krypto-Virus befallen war, konnte ich nur ein Wachstum einer bestimmten Art sehen und zwar exponentiell. Nachdem ich gesehen hatte, wie sich mein Portfolio um das 16-fache vergrößerte, fühlte sich der Geldbetrag, den ich mit einem zusätzlichen 17. Mal verdient hätte, wie Kleingeld an.
„Ich dachte in Einheiten, die viel größer waren und konnte nur nachverfolgen, wie oft sich meine Investitionen verdoppelt hatten – nämlich viermal.“
Aber ich brauchte die fünfte Verdopplung meines Vermögens. Verständlicherweise – denn es war der einfache Unterschied zwischen der Bezeichnung eines halben und eines vollen Millionärs, fair und quadratisch. Wie durch den bloßen Gedanken des Ersteren beleidigt, schwor ich mir, als Letzterer aufzutreten und die automatische Liquidation meiner virtuellen Vermögenswerte, bei einer siebenstellig gewachsene Investition endgültig zu veranlassen.
Ich war mir der Fortsetzung des steilen Anstiegs des Marktes so sicher, dass ich befürchtete, der notwendige Preis würde so schnell erreicht, dass ich den Verkaufsauftrag nicht rechtzeitig manuell ausführen könnte, wodurch die Symbolik einer geraden Million verloren ging. Ich war in keinem Konflikt über die Entscheidung, es gab keine zweite Vermutung von meiner Seite. Wenn überhaupt, tauchte ein Gefühl des Unbehagens dadurch auf, alles Vermögen aus dem Kryptouniversum herausziehen … in was – in inflationäres Geld ?
Die vor einem Jahrzehnt konzipierte obskure unabhängige Handlung, war zu einem gewaltigen Spektakel von enormer Größe geworden. Alle beeilten sich um einen Platz in der Show, unsere Sinne waren viel zu betäubt von der Erregung, um über die zunehmend unvernünftigen Kosten der Eintrittskarte nachzudenken. Wer will da der schüchterne Narr auf der Tanzfläche sein, dessen blasses Selbstbewusstsein wie ein Bollwerk wirkt, wenn sich eine wundervolle Frau nähert, derjenige, der den ganzen Spaß verdirbt. Eine Binsenweisheit über Partys ist, sie gehen irgendwann zu Ende. Alle waren sich der Gefahren am Ende der Party bewusst, aber niemand wusste, wann die letzte Zugabe stattfinden wird. Berauscht glaubten wir, klug genug zu sein, um die Hinweise zu verstehen, und genossen die Show weiter.
Aber wir waren es nicht !
Am 5. Januar 2018 fiel der Wert von Ripple auf fast 3 Dollar, und die Preiskurve rieb diesen Punkt die nächsten Tage ereignislos weiter. Am 8. Januar zog ich die Handelscharts hoch, um die Zeit während des Frühstücks zu vertreiben. Dies erwies sich als schrecklicher Fehler, denn ich verschluckte mich fast am Cappuccino, erschrocken über die Ereignisse, die ich miterlebte. Die Zeit, die ich brauchte um auszutrinken, reichte aus, den Preis von Ripple um weitere 60 Cent oder einen Wert von fast 20% zu senken. Aber es hörte hier nicht auf. Einige Tage später wurde die Zwei-Dollar-Marke unterschritten. Damit war der steilste Pfad des Vulkanberges hinabgestiegen. Und während die steilsten Hänge der Reise normalerweise die härtesten sind, wird ihre Strenge durch ihre aufregende Natur etwas konterkariert. Man reflektiert nicht existenziell seine Position inmitten eines gefährlichen Abseils – Instinkte übernehmen und ein Mensch wird zu einem Tier, das kaum etwas davon registriert. Und ist es nicht oft der Fall, dass man sich abseilt, um eine bessere Route zu finden, die genutzt werden kann, um noch höher aufzusteigen ?
Ein Schritt zurück, zwei Schritte vorwärts.
Es dauerte einen weiteren Monat und dann einige Tage, bis der Preis allmählich um einen weiteren Dollar fiel, aber Mitte Februar war es soweit, der Wert eines einzelnen Ripplecoins fiel wieder in den Cent Bereich. Der allmähliche Rückgang setzte sich bis in den März hinein fort und zum Monatsende war ein Ripplecoin nur noch 50 Cent wert. Bis zum Hochsommer hatte sich der Wert wieder halbiert und zu Beginn des Schuljahres im September 2018 noch einmal halbiert, nur wenige Cent über dem bekannten Viertel zudem ich die ersten Coins vor genau einem Jahr gekauft hatte.
XRP Kurs 2017 – 2019
Der Verstand wusste, dass sich der Markt in einer Rezession befand, aber das Herz hoffte, dass er sich nur in einer Stagnation befand. Was als Feldzug zur Eroberung des Berges begonnen hatte, endete mit einer katastrophalen Niederlage. Ich stand wieder ganz unten, die Flagge, die auf dem Gipfel aufgestellt werden sollte, befand sich noch immer in meiner Hand. Seitdem ist klar geworden, dass ich tatsächlich den Gipfel erreicht hatte, nur mit der Unwissenheit ihn zu erkennen.
„Wenn du oben auf dem Berg stehst, ist der Mond riesig und zum Greifen nah.“
Am 13. März 2021 erreicht der Ripple Coin seinen tiefsten Wert von 0,11 Cent. Seit der Einreichung der SEC Klage sitzt die US-Börsenaufsichtsbehörde Ripple im Nacken. Mit einer wahrscheinlichen Einigung der Streitparteien und damit der Möglichkeit, den Handel in den USA wieder aufzunehmen befindet sich der Kurs jedoch wieder im Aufwärtstrend.
Heute kostet ein Ripple Coin:
#
Name
Price
Market Cap
Change
Price Graph (24h)
Jeder Handel ist riskant und hat keine Gewinngarantie. Der Inhalt unserer Webseite dient ausschließlich dem Zwecke der Information und stellt keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung dar. Dies gilt sowohl für Kryptowährungen, Assets, Produkte, Dienstleistungen und sonstige Investments. Die Meinungen, welche auf dieser Seite kommuniziert werden, stellen keine Investment Beratung dar. Wenn möglich sollte immer ein unabhängiger finanzieller Rat eingeholt werden.
Es war der Spätsommer 2017. Ich hatte gerade eine mäßige Saison als Fotograf erlebt und war mitten in einer Krise der Neuausrichtung und sinnierte über die Zukunft, Erfolg und Glück. Ich komme aus einer Familie mit bescheidenen Mitteln. Mein Vater war Arbeiter, sein Vater vor ihm Musiker und mein Großvater 8ter Generation ein bekannter Freiherr. Meine Mutter arbeitete in einem Briefmarkenladen. Ab und zu investierte sie einen kleinen Teil ihres schmalen Einkommens, in skurril gestanzten Papiermotive mit Zacken dran, in der Hoffnung, einer Wertsteigerung dieser. Trotz unserer einfachen Umstände waren meine Eltern zufrieden und haben die Welt nicht für ihr Schicksal verantwortlich gemacht. Im Gegenteil, sie waren angepasste Individualisten und glaubten fest daran, dass das Schicksal eines Menschen seine und nur seine Entscheidung ist. Meine Eltern aus der Arbeiterklasse hatten mir immer gesagt, dass die Welt nach einem einfachen Kausalprinzip funktioniert:
Ich glaubte ihnen, obwohl sie selbst eine Ausnahme ihrer eigenen Regel zu sein schienen. Ein solches Evangelium in meinen jüngeren und heranwachsenden Jahren, hat mir ein Gefühl der Ehrfurcht vor Reichtum vermittelt. Ich entwickelte ein Verständnis dafür, dass Menschsein mit Reichtum irgendwie lebenswerter ist. Vermögen zu haben bedeutete, härter gearbeitet zu haben als andere, trotz Widrigkeiten durchgehalten zu haben und unerbittlich gewesen zu sein. In diesem Zustand habe ich die Welt gesehen und das intensive Verlangen, mir selbst zu beweisen, dass auch ich würdig bin, Reichtum zu erfahren. Tatsächlich schaffte ich es mit eigenen Projekten und als Vorstand meiner Firma zur ersten Million.
Doch Reichtum kommt auf vielen Wegen und geht auf vielen Wegen. Während einer Begegnung erzählte mir ein Bekannter, dass er seine Ersparnisse in den letzten Monaten vervierfacht habe. Es war keine magische Einsicht nötig, es mussten keine Schwierigkeiten ertragen werden, man musste nicht einmal ins Schwitzen kommen. Aus einer Laune heraus hatte er einfach sein Geld in Bitcoin gesteckt, und das offensichtliche Glück erledigte den Rest der Arbeit. Das Ausmaß des Einflusses, den seine Geschichte auf mich hatte, ist schwer zu unterschätzen. Hier war ich, der Tag und Nacht in einer dunklen Ecke des Raumes schleifte, um meine Spuren zu hinterlassen. Da war er, der kaum zur Arbeit erschien und Tausende von Dollar pro Tag verdiente und so gut wie nichts tat. Da ging sie hin meine romantische Vorstellung von den Reichen.
Also begann ich meinen Aufstieg. Noch am selben Abend laß ich Satoshi Nakamoto´s Original-Whitepaper über Bitcoin. Ich erfuhr von Teams ohne ein Produkt, die mit Initial Coin Offering Millionen von Dollar von der Öffentlichkeit einsammelten. Ich sah, dass sich der Preis für ein Bitcoin im letzten halben Jahr mehr als vervierfacht hat, von etwa 1.000 Dollar auf mehr als 4.500 Dollar. Im gleichen Zeitraum stieg der gesamte Kryptowährungsmarkt von 27 auf 166 Milliarden Dollar, was ungefähr einer Vervierfachung entsprach.
Am Ende des Tages hatte ich bereits zwei Konten eingerichtet. Erstens ein brandneues Twitter-Konto, um ausschließlich Krypto-Nachrichten und Influencer zu verfolgen. Zweitens, was noch wichtiger war, ein Konto an einem dezentralen Kryptobörse irgendwo in Singapur.
Es gab jedoch nur ein kleines Problem. Nach meiner mäßigen Saison als Star-Fotograf hatte ich nur bescheidene freiverfügbare Mittel zur Verfügung. Also sammelte ich alles schnell verfügbare Geld zusammen, um am 1. September 2017 ca. 15.000 Dollar als erstes Investment in das Kryptouniversum zu transferieren. Ich vergesse alle Worte der Weisheit, die ich über Risikomanagement und die Notwendigkeit der Diversifizierung gehört habe und lege alle meine Karten auf eine einzige Altmünze namens Ripple. Die Entscheidung, in diese bestimmte Währung zu investieren, beruhte nicht auf fundierter Logik und gründlicher Forschung oder Kenntnisse über die zugrunde liegende Technologie, noch hatte ich ein vages Verständnis für das Problem, welches das Protokoll angeblich löste. Es war nichts anderes als der Reiz, Tausende von Münzen zu besitzen, als einige wenige, der sich als entscheidender Faktor erwies. Ein einziger Coin von Ripple kostete zu diesem Zeitpunkt 25 Cent und dies bedeutete, dass meine anfängliche Investition mir ca. 60.000 Ripple Coins einbrachte. Klingt ja irgendwie auch viel mehr, als zum damaligen Kurs, 3 Bitcoin zu besitzen.
Das Problem beim Glücksspiel ist, dass es genau das ist, nämlich Glücksspiel. In weniger als zwei Wochen nach meinem Kauf, hatte mein Investment in Ripple mehr als ein Drittel seines Wertes verloren. Da mein gesamtes Vermögen an diesen einen Coin gebunden war, ich somit auch. Zu sagen, dass ich in Panik geriet, würde es milde ausdrücken. Nachdem ich viel mehr verloren hatte, als ich mir leisten konnte, war ich wie versteinert. Selbst ohne die Verluste war es schwer über die Runden zu kommen und jetzt, da fast ein Drittel des Portfolios dahingeschmolzen war, mehr als notwendig, durch fleissige Arbeit Geld zu verdienen.
Zu diesem Zeitpunkt hätte jede vernünftige Person seine Verluste reduziert und das Geld aus diesem brutalen Markt abgezogen. Aber ich bin kein Mensch der Vernunft. Stattdessen habe ich getan, wozu jedes Buch über Investitionen, welches jemals geschrieben wurde, ermutigt. Ich begann aktiv mit dem Ziel, an der Gewinnschwelle zu handeln.
Buy the Dip and Sell the High
Tagsüber verschlang ich Bücher über technische Analyse und Marktpsychologie. Auch Twitter und YouTube erwies sich mit seinem endlosen Angebot an Tipps und Tricks der selbsternannten Experten und Analysten von unschätzbarem Wert. Die eigentlichen Trades, hatte ich für die Nachtstunden reserviert, um das Zeitfenster zu erfassen, in dem mein Gehirn am besten funktioniert.
Einige Wochen später hatte ich das Gefühl, erhebliche Fortschritte bei der Rückeroberung meiner ursprünglichen Investition zu machen, zumindest auf dem Papier. In Wirklichkeit haben die schrecklichen Umtauschgebühren, die bei jeder Transaktion einen erheblichen Prozentsatz ausmachten, meine Einnahmen gekürzt und den gesamten Vorgang vergeblich gemacht. Ich brauchte einfach mehr Kapital, um meine kurzfristigen Anlagestrategien umzusetzen und ich wäre wieder im Geschäft. Irgendwo hatte ich noch eine angestaubte Kapital-Lebensversicherung herumliegen, deren Rendite immer weiter in den Keller sank. Nach wenigen Onlinesuchen forderte mich die Maske auf: „Geben Sie die Beleihungssumme ein.“ Ich dachte mir, dass der maximale Kreditbetrag von 10.000 Dollar ausreichen würde, um meine Handelssysteme wieder rentabel zu machen. Alles in allem hatte ich jetzt mit der zusätzlichen Kapitalzuführung und meiner Anfangsinvestition, mehrere 10.000 Dollar in meinem Portfolio welche ungefähr 130.000 Ripple Coins entsprach. Eine anständige Summe an Coins dachte ich und etwas, mit dem ich endlich wieder reich werden kann.
Und ich wurde es.
In ein wenigen Monaten war mein Portfolio bereits um 25% gestiegen. Ich nehme an, eine solche Zahl würde beim traditionellen Aktien-Tageshandelsgeschäft als ziemlich respektabel angesehen und ein Grund für Anerkennung. Der Markt für Kryptowährungen war jedoch im gleichen Zeitraum doppelt so stark gewachsen, was mich als Underperformer etablierte. Ich ließ mich davon jedoch nicht beunruhigen und dachte demütig: „Ich bin das Problem“ immerhin war der Kryptomarkt voll von Menschen mit einem überdurchschnittlichen Intellekt. Die Crème de la Crème sozusagen. Es musste so sein, wie sonst könnte man den Reichtum erklären, den diese Nerds so gut wie aus dem nichts anhäuften, während der Rest der Gesellschaft harte Arbeit leistete, um irgendwie über die Runden zu kommen. Es war keine Schande, von solchen Gedanken-Titanen überlistet zu werden. Doch das Leben eines 24/7 Kryptohändlers forderte bald seinen Tribut von mir. Am Ende des zweiten Monats konnte ich nicht mehr als dieselbe Person erkannt werden.
Ähnlich wie beim Countdown eines fehlgeschlagenen Raketenstarts wurden die Stunden, die ich für den Schlaf aufgewendet habe, stetig von acht auf sieben, von sechs auf fünf reduziert. Meistens habe ich, genau wie bei einem vorzeitig geplanten Start, auch den Start nicht bestanden. An den Tagen, an denen ich es geschafft habe, vom Boden abzuheben, stürzte ich normalerweise mitten im Flug ab. Meine Fähigkeit, mich zu konzentrieren, ließ nach, meine deduktiven Fähigkeiten sanken auf das Niveau eines Primaten und mein Gehirn weigerte sich, neue Informationen zu behalten. Als ob das nicht genug wäre, verschwanden gespeicherte Nervenzellen für soziale Kontakte, Körperpflege und Hungergefühl scheinbar vollständig von meiner Festplatte.
Emotional wurde ich instabil und leicht aufgeregt. Sogar Wahnvorstellungen schlichen sich schließlich ein. Eines frühen Morgens fielen meine traurigen Picks innerhalb von Minuten um einige Prozentpunkte. Dies an sich wäre kein Grund zur Beunruhigung gewesen, da Schwankungen dieses Kalibers ein tägliches Phänomen waren. Bei näherer Betrachtung der technischen Indikatoren stellte ich jedoch fest, dass ein ernsthafter Ausverkauf unmittelbar bevorstehen würde. Ich musste meine Positionen verlassen, bevor es zu spät war. Aber das war es schon.
Anscheinend waren andere Händler vor mir zu der gleichen Erkenntnis gekommen und hatten entsprechend gehandelt. Das Ergebnis: Die Börse, mit dem ich verbunden war, stürzte aufgrund der ungewöhnlich hohen Belastung ab, sodass es unmöglich war, Order aufzugeben oder Positionen zu schließen. Was folgte, war ein eintägiger Tanz zwischen mir und der Börse. Der Tanz hatte eine recht einfache Choreografie, die aus vier Schritten bestand. Im Idealfall hätte ich die folgenden Manöver schnell hintereinander ausgeführt: Anmelden, zur Börse wechseln, einen Trade eingeben und den Handel mit der Bestätigungsaufforderung genehmigen. Ich habe mehr als 5 Minuten gebraucht, um nur einen einzigen Schritt auszuführen. Als die Tortur endlich zu Ende ging, war der Wert meines Portfolios bereits um mehr als 10% gesunken. Ungefähr zwanzig Minuten später beschloss ich, meine Karriere als Händler zu beenden, jedoch nicht als Investor. Also löste ich alle meine offenen Positionen auf die kurzfristig gehalten werden sollten, und kehrte zurück zu meinen Wurzeln.
Ich war wieder ganz in Ripple investiert.
Was folgte, war eine Zeit relativer Ruhe, in welcher der Ripple-Preis stabil um die bekannte 25 Cent Marke schwebte. Die geringe Volatilität des Marktes ermöglichte es mir, mich wieder zu beruhigen und meine zerbrochenen Beziehungen zu pflegen. Ich konnte sogar wieder die Wohnung verlassen ohne mir übermäßige Sorgen zu machen. Ich war wieder zufrieden, zumindest für kurze Zeit. Ich wusste nicht, dass ich unwissentlich auf einen Vulkan geklettert war, der bald explodieren würde. Am 12. Dezember verzeichnete Ripple einen Anstieg um 40%. Der Markt bewertete Ripple zum Tagesschluss plötzlich mit 35 Cent pro Coin. Am 13. Dezember trieb der scheinbar irrationale Anstieg der Nachfrage den Preis noch weiter von einem Drittel Dollar auf etwa die Hälfte. So hatte sich mein Nettovermögen in weniger als 48 Stunden einfach verdoppelt. Am nächsten Tag bei 72 Cent bereits verdreifacht. Schließlich stabilisierte sich der Preis am vierten Tag und schwebte für die gesamte nächste Woche um die neue Basislinie von 80 Cent.
Diese vergleichsweise ereignislose Zeit bot mir Gelegenheit zum Nachdenken, eine Gelegenheit, meine Nerven zu beruhigen und mich in der Realität zu verankern. Interessanterweise schien ich jedoch keine Beruhigung zu brauchen. Nur im Nachhinein finde ich es überraschend. Beim Day-Trading war ich völlig überwältigt von dem unaufhörlichen Pulsschlag des Marktes, meine Stimmung in perfekter Korrelation damit. Als der Markt stieg, war ich begeistert, manchmal sogar wahnsinnig, als er fiel zu Tode betrübt. Hätte ich einen Psychiater gesehen, hätte der mich sicherlich als Neurotiker bezeichnet.
To the Moon
Während des letzten Bullenlaufs zeigte ich dagegen keines dieser Symptome. Mein damaliger Geisteszustand lässt sich vielleicht am besten als gleichgültig beschreiben, emotional unberührt von den jüngsten turbulenten Entwicklungen. Wie kann man diese offensichtliche Zweiteilung erklären? Ich glaube, die Erklärung liegt in der Tatsache, dass ich dieses Mal kein aktiver Marktteilnehmer war, sondern ein passiver Zuschauer. Ich war nicht länger der Kapitän meines Schiffes, ich versuchte nicht länger, den mysteriösen Walen zu folgen, die mich zu den Wellen des Erfolgs führen würden. Tatsächlich war ich von dem gescheiterten Unterfangen so erschöpft, dass ich mich der Gnade des weiten Krypto-Ozeans auslieferte. Als das Schiff versehentlich gegen die Schatztruhe stieß, hielt ich es für ein Trugbild, viel zu mühelos und viel zu plötzlich. Ich war misstrauisch, mein Verstand war nicht in der Lage, den Inhalt der Schatzkiste als real zu erkennen, als etwas, das in der realen Welt materialisiert werden konnte.
Ein weiterer Ausbruch folgte schnell, aber leidenschaftlich. Am 21. Dezember 2017, nach einer Woche der Stille, stieg der Preis auf 1,17 Dollar. Nachdem sich mein Vermögen verfünffacht hatte, erlebte ich eine Woche der Inaktivität. Über die Feiertage fuhr ich wie jedes Jahr zu meinen Eltern um Zeit mit der Familie zu verbringen. Meine Eltern redeten aufgeregt über Kryptowährungen, dies war so untypisch, da beide sich wenig mit Technologie beschäftigten, wahrscheinlich nahmen sie sogar an, dass Bill Gates das Internet erfunden hatte. Offensichtlich war die Bitcoin Botschaft auch am Rande von Deutschland angekommen. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich sofort entscheiden sollen, dass es höchste Zeit ist, meinen Reichtum vom Markt zu nehmen und in die andere Richtung zu sprinten. Stattdessen sah ich es als absolut positiv an, dass sich Satoshi Nakamoto´s Kryptorevolution in allen Teilen der Welt verbreitet und die breite Akzeptanz der Blockchaintechnologie unmittelbar allen bevor steht.
Einige Tage später, am 27. Dezember 2017, nahm der Markt wieder Fahrt auf, und der Preis des Giftes meiner Wahl durchbrach zum Ende des 29. Dezember zum ersten Mal die Zwei-Dollar-Marke. Am nächsten Tag erreichte es für einen kurzen Moment bis zu 2,85 US-Dollar, stieß jedoch auf Widerstand von oben und fiel schnell auf knapp unter zwei Dollar zurück. Das Jahr endete jedoch auf einem hohen Niveau und endete mit 2,30 US-Dollar pro Ripple Coin.
Um es noch besser zu verdeutlichen, konnte ich mir bisher kaum einen Ford Focus leisten, könnte ich jetzt einen Lamborghini mit allen Extras kaufen. Der Aufwärtstrend von Ripple setzte sich auch im neuen Jahr 2018 fort. Der Preis von Ripple stieg am 3. Januar deutlich über die Drei-Dollar-Marke und schloss dann bei 3,50 Dollar. Am nächsten Tag erreichte der Wert der Münze fast 4 Dollar. Mit dem Preis, der jetzt seinen absoluten Höhepunkt erreichte, hatte ich ein Vermögen von etwas mehr als einer halben Million Dollar in meinem Portfolio liegen.
Um das ins rechte Licht zu rücken: Wenn man bedenkt, dass der Durchschnittslohn im Jahr bei ungefähr 50.000 Dollar vor Steuern beträgt, hätte ich die nächsten 10 Jahre bequem von meinem neu gewonnenen Vermögen leben können. Ein ganzes Jahrzehnt. Leider habe ich die kommenden zufälligen Ereignisse nicht in einem größeren Zusammenhang gesehen. Ich konnte es nicht, da meine Fähigkeit mich zu konzentrieren, durch das unaufhörliche Rauschen der Medien zu stark beeinträchtigt wurde. Auf Twitter extrapolierten selbsternannte Experten die Trendmonate in die Zukunft und zeichneten Kurven, die sich buchstäblich aus den Charts wagten. Im Fernsehen hielten die Experten 2019 für das „Jahr der Kryptos“. Sogar Jim Cramer, ein ehemaliger Börsenmakler von Goldman & Sachs widerrief nach Jahren der Denunziation von Bitcoin und wurde bullisch. Auf Reddit posteten Kryptobesessene Fotos ihrer Lieblingscoins, die sie sich dauerhaft in ihre Haut tätowierten. Es war eine kulturelle Zombie-Apokalypse, und ich war gebissen und infiziert.
Da der größte Teil meines Gehirns von dem heimtückischen Krypto-Virus befallen war, konnte ich nur ein Wachstum einer bestimmten Art sehen und zwar exponentiell. Nachdem ich gesehen hatte, wie sich mein Portfolio um das 16-fache vergrößerte, fühlte sich der Geldbetrag, den ich mit einem zusätzlichen 17. Mal verdient hätte, wie Kleingeld an.
Aber ich brauchte die fünfte Verdopplung meines Vermögens. Verständlicherweise – denn es war der einfache Unterschied zwischen der Bezeichnung eines halben und eines vollen Millionärs, fair und quadratisch. Wie durch den bloßen Gedanken des Ersteren beleidigt, schwor ich mir, als Letzterer aufzutreten und die automatische Liquidation meiner virtuellen Vermögenswerte, bei einer siebenstellig gewachsene Investition endgültig zu veranlassen.
Ich war mir der Fortsetzung des steilen Anstiegs des Marktes so sicher, dass ich befürchtete, der notwendige Preis würde so schnell erreicht, dass ich den Verkaufsauftrag nicht rechtzeitig manuell ausführen könnte, wodurch die Symbolik einer geraden Million verloren ging. Ich war in keinem Konflikt über die Entscheidung, es gab keine zweite Vermutung von meiner Seite. Wenn überhaupt, tauchte ein Gefühl des Unbehagens dadurch auf, alles Vermögen aus dem Kryptouniversum herausziehen … in was – in inflationäres Geld ?
Die vor einem Jahrzehnt konzipierte obskure unabhängige Handlung, war zu einem gewaltigen Spektakel von enormer Größe geworden. Alle beeilten sich um einen Platz in der Show, unsere Sinne waren viel zu betäubt von der Erregung, um über die zunehmend unvernünftigen Kosten der Eintrittskarte nachzudenken. Wer will da der schüchterne Narr auf der Tanzfläche sein, dessen blasses Selbstbewusstsein wie ein Bollwerk wirkt, wenn sich eine wundervolle Frau nähert, derjenige, der den ganzen Spaß verdirbt. Eine Binsenweisheit über Partys ist, sie gehen irgendwann zu Ende. Alle waren sich der Gefahren am Ende der Party bewusst, aber niemand wusste, wann die letzte Zugabe stattfinden wird. Berauscht glaubten wir, klug genug zu sein, um die Hinweise zu verstehen, und genossen die Show weiter.
Aber wir waren es nicht !
Am 5. Januar 2018 fiel der Wert von Ripple auf fast 3 Dollar, und die Preiskurve rieb diesen Punkt die nächsten Tage ereignislos weiter. Am 8. Januar zog ich die Handelscharts hoch, um die Zeit während des Frühstücks zu vertreiben. Dies erwies sich als schrecklicher Fehler, denn ich verschluckte mich fast am Cappuccino, erschrocken über die Ereignisse, die ich miterlebte. Die Zeit, die ich brauchte um auszutrinken, reichte aus, den Preis von Ripple um weitere 60 Cent oder einen Wert von fast 20% zu senken. Aber es hörte hier nicht auf. Einige Tage später wurde die Zwei-Dollar-Marke unterschritten. Damit war der steilste Pfad des Vulkanberges hinabgestiegen. Und während die steilsten Hänge der Reise normalerweise die härtesten sind, wird ihre Strenge durch ihre aufregende Natur etwas konterkariert. Man reflektiert nicht existenziell seine Position inmitten eines gefährlichen Abseils – Instinkte übernehmen und ein Mensch wird zu einem Tier, das kaum etwas davon registriert. Und ist es nicht oft der Fall, dass man sich abseilt, um eine bessere Route zu finden, die genutzt werden kann, um noch höher aufzusteigen ?
Ein Schritt zurück, zwei Schritte vorwärts.
Es dauerte einen weiteren Monat und dann einige Tage, bis der Preis allmählich um einen weiteren Dollar fiel, aber Mitte Februar war es soweit, der Wert eines einzelnen Ripplecoins fiel wieder in den Cent Bereich. Der allmähliche Rückgang setzte sich bis in den März hinein fort und zum Monatsende war ein Ripplecoin nur noch 50 Cent wert. Bis zum Hochsommer hatte sich der Wert wieder halbiert und zu Beginn des Schuljahres im September 2018 noch einmal halbiert, nur wenige Cent über dem bekannten Viertel zudem ich die ersten Coins vor genau einem Jahr gekauft hatte.
Der Verstand wusste, dass sich der Markt in einer Rezession befand, aber das Herz hoffte, dass er sich nur in einer Stagnation befand. Was als Feldzug zur Eroberung des Berges begonnen hatte, endete mit einer katastrophalen Niederlage. Ich stand wieder ganz unten, die Flagge, die auf dem Gipfel aufgestellt werden sollte, befand sich noch immer in meiner Hand. Seitdem ist klar geworden, dass ich tatsächlich den Gipfel erreicht hatte, nur mit der Unwissenheit ihn zu erkennen.
Am 13. März 2021 erreicht der Ripple Coin seinen tiefsten Wert von 0,11 Cent. Seit der Einreichung der SEC Klage sitzt die US-Börsenaufsichtsbehörde Ripple im Nacken. Mit einer wahrscheinlichen Einigung der Streitparteien und damit der Möglichkeit, den Handel in den USA wieder aufzunehmen befindet sich der Kurs jedoch wieder im Aufwärtstrend.
Heute kostet ein Ripple Coin:
Jeder Handel ist riskant und hat keine Gewinngarantie. Der Inhalt unserer Webseite dient ausschließlich dem Zwecke der Information und stellt keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung dar. Dies gilt sowohl für Kryptowährungen, Assets, Produkte, Dienstleistungen und sonstige Investments. Die Meinungen, welche auf dieser Seite kommuniziert werden, stellen keine Investment Beratung dar. Wenn möglich sollte immer ein unabhängiger finanzieller Rat eingeholt werden.